Der KI Agent im TIA Portal

SIEMENS AG

Neuer KI-Assistent im TIA Portal: Der „Eigen Engineering Agent“ von Siemens

Siemens hat auf der Hannover Messe 2026 ein neues Tool für das TIA Portal vorgestellt: den Eigen Engineering Agent. Es handelt sich dabei um ein tief integriertes, KI-gestütztes Assistenzsystem, das Entwicklern bei Routineaufgaben in der Automatisierungstechnik nicht nur helfen, sondern diese eigenständig planen und ausführen soll.

Was ist es?

Der Eigen Engineering Agent ist ein generativer KI-Assistent. Der Name leitet sich bewusst vom deutschen Begriff ab, „sich etwas zu eigen zu machen“.

Das Tool nutzt eine sogenannte „Agentic Architecture“. Das bedeutet, das System ist in der Lage, Engineering-Aufgaben in Teilschritte zu zerlegen, Automatisierungscode (wie SCL und KOP) zu erstellen, HMI-Skripte zu generieren und Hardware-Topologien zu konfigurieren. Ein für Industrieunternehmen essenzieller Aspekt: Die volle Datenhoheit und Datensouveränität verbleibt komplett beim Anwender.

Tiefgreifendes Projektverständnis

Im Gegensatz zu generischen KI-Modellen liest und interpretiert der Eigen Engineering Agent die gesamte TIA Portal-Projektstruktur – von der Hardware-Konfiguration bis zur Programmlogik. Das System erfasst Funktionsbausteine (FBs), Organisationsbausteine (OBs), benutzerdefinierte Datentypen (UDTs), Datenbausteine (DBs) und HMI-Bilder sowie deren komplexe Abhängigkeiten.

Er versteht die spezifische „Sprache“ des Projekts, berücksichtigt etablierte Namenskonventionen und arbeitet auch mit Legacy-Systemen oder undokumentiertem Code. So generiert er Ausgaben, die exakt auf das zugeschnitten sind, was die Ingenieure tatsächlich bauen.

Planen, Prüfen und Ausführen

Der Agent gibt nicht nur Code-Schnipsel oder Hinweise aus, sondern führt Aufgaben vollständig aus. Bevor die Ergebnisse dem Ingenieur zur Überprüfung vorgelegt werden, evaluiert die KI ihre eigene Leistung anhand der Qualitätsanforderungen des Projekts und iteriert so lange, bis das Ergebnis den Standards entspricht. In einer weltweiten Testphase mit über 100 Unternehmen zeigte sich, dass Fachkräfte Aufgaben im Ingenieursalltag mit dem Agenten zwei- bis fünfmal schneller erledigen können.

Detaillierter Funktionsumfang

Der Agent fungiert als echter Programmierpartner und unterstützt Entwicklungsteams bei einer Vielzahl konkreter Aufgaben:

  • Hardware-Konfiguration: Hinzufügen, Umbenennen und Löschen von Geräten. Speziell unterstützt wird die Konfiguration von SINAMICS-Antrieben (G220, G200 Basic, S200, S210 für FW V6.x), inklusive dem Hinzufügen von Motoren, Encodern und der Einstellung von Antriebsparametern.

  • SPS-Programmierung: Generierung und Import von KOP- (LAD) und SCL-Code, Erstellung von Variablen, Variablentabellen und Anwenderkonstanten sowie der Zugriff auf Software Units und Namensräume.

  • HMI-Engineering: Erstellung von WinCC Unified HMI-Geräten und -Bildern, Design von Bildschirmlayouts, Hinzufügen von Elementen (Buttons, E/A-Felder) sowie das Schreiben von WinCC Unified JavaScript zur Dynamisierung von Eigenschaften und Ereignissen.

  • Testing: Automatische Generierung von ausführbaren Testfällen für SCL- und KOP-Bausteine.

  • Projektmanagement & Dokumentation: Übersetzung von Projekttexten, Massenanpassungen über mehrere Bausteine hinweg sowie die Durchsetzung von Coding-Styleguides.

Wie wird es benutzt?

Die Integration in den Arbeitsablauf ist nahtlos und erfordert kein ständiges Wechseln zwischen Browser und Software:

  • Voraussetzungen: Zwingend erforderlich sind eine gültige Lizenz für das TIA Portal V19, V20 oder V21 sowie ein Industry Organization Account.

  • Interaktion: Die Bedienung erfolgt über ein intuitives Chat-Interface direkt in der Entwicklungsumgebung.

  • Integration: Da die KI die TIA-Struktur versteht, werden generierter Code oder Hardware-Anpassungen direkt und ohne Copy-Paste in das bestehende TIA Portal-Projekt integriert. Fehlerquellen im Projekt können so auch direkt identifiziert werden.

Prompts, Praxisbeispiele

Die Interaktion mit dem Agenten erfolgt über natürliche Sprache. Je präziser die Formulierung (der „Prompt“), desto genauer kann das KI-Modell die Aufgabe im Projektkontext ausführen. Hier sind einige typische Beispiele, wie Entwickler den Agenten im TIA Portal für verschiedene Aufgabenbereiche anweisen können:

Hardware-Konfiguration

  • „Füge dem Projekt einen SINAMICS S210 Antrieb hinzu, benenne ihn ‚Antrieb_Förderband_1‘ und konfiguriere die Netzwerkeinstellungen für PROFINET passend zur restlichen Topologie.“

  • „Importiere die beigefügte Excel-Geräteliste, erstelle die entsprechende Hardware-Konfiguration und weise allen neuen Geräten fortlaufende IP-Adressen im Bereich 192.168.0.x zu.“

SPS-Programmierung (Logik & Code)

  • „Generiere einen SCL-Funktionsbaustein für eine Pumpensteuerung. Berücksichtige dabei Eingänge für Start, Stopp, Not-Halt sowie einen Ausgang für den Motor. Implementiere außerdem eine Einschaltverzögerung von 3 Sekunden.“

  • „Analysiere den bestehenden, undokumentierten KOP-Baustein ‚Steuerung_Alt‘ und schreibe die Logik in modernen, übersichtlichen SCL-Code um. Füge Erklärungen als Kommentare hinzu.“

  • „Erstelle alle notwendigen SPS-Variablen für das Modul ‚Heizkreis_2‘ und ordne sie einem neuen, passenden benutzerdefinierten Datentyp (UDT) zu.“

HMI-Engineering & Visualisierung

  • „Erstelle ein neues WinCC Unified HMI-Bild namens ‚Anlagenübersicht‘. Füge Schaltflächen für Start und Stopp hinzu und verknüpfe diese direkt mit den entsprechenden SPS-Variablen des Förderbands.“

  • „Schreibe ein JavaScript für das HMI, das die Hintergrundfarbe des Status-E/A-Felds dynamisch auf Rot ändert, sobald die Variable ‚Fehler_Pumpe_1‘ den Wert TRUE annimmt.“

Testing & Validierung

  • „Generiere ausführbare Testfälle für den Funktionsbaustein ‚FB_Temperaturregelung‘. Prüfe dabei gezielt das Verhalten bei Sensorbruch und beim Überschreiten des Maximalwerts.“

  • „Prüfe das gesamte Projekt auf Syntaxfehler und kontrolliere, ob alle neu erstellten Bausteine unseren etablierten Namenskonventionen entsprechen. Korrigiere eventuelle Abweichungen.“

Projektmanagement & Dokumentation

  • „Übersetze alle HMI-Meldetexte, Alarme und Bausteinkommentare im aktuellen Projekt vollständig vom Deutschen ins Englische.“

  • „Führe eine Massenanpassung durch: Ändere bei allen Temperatur-Datenbausteinen den Datentyp der Variable ‚Istwert‘ von INT auf REAL.“

Was kostet es und wie ist das Lizenzmodell?

Der Eigen Engineering Agent wird über den Marketplace Siemens Digital Exchange (DEX) als Jahresabonnement vertrieben.

  • Preis: Die Kosten für ein reguläres Jahresabonnement belaufen sich aktuell auf Netto 1.811,52 €.

  • Testphase: Siemens bietet Neukunden die Möglichkeit, die Software vorab 1 Monat kostenlos zu testen.

  • Lizenzmodell: Das System arbeitet mit einem nutzerfreundlichen Zuweisungsmodell. Eine erworbene Lizenz (ein sogenannter „Seat“) erlaubt die Zuweisung an bis zu drei verschiedene Benutzer im Unternehmen. Es gilt jedoch das Concurrent-Use-Prinzip: Ein Seat kann immer nur von einer Person gleichzeitig verwendet werden.

Quellen, Bildernachweis

Fazit

Mit dem Eigen Engineering Agent verbindet Siemens digitale Planung direkt mit der realen Umsetzung. Durch die Integration ins TIA Portal, die Agentic Architecture zur eigenständigen Aufgabenbewältigung und die Durchsetzung von Qualitätsstandards wird die KI zu einem echten Programmierpartner. Ingenieure müssen nicht mehr jede Routineaufgabe selbst ausführen, sondern geben Ziele vor, die die KI umsetzt. Das transparente Lizenzmodell für Teams ist zudem organisatorisch attraktiv. Wie sich die versprochene zwei- bis fünffache Beschleunigung im breiten Masse-Rollout bei hochkomplexen Anlagen bewährt, wird die Praxis in den kommenden Monaten zeigen.

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